Milli Vanilli were used by an industry that abused black artists.

Milli Vanilli wurden von einer Industrie ausgenutzt, die schwarze Künstler missbrauchte.

Als das deutsche Duo Milli Vanilli in den späten 1980ern im musikalischen Mainstream auftauchte, wurden sie quasi über Nacht zum Hit und gehörten plötzlich zu den größten Künstler:innen der Welt. Ihre märchenhafte Erfolgsstory war aber nur von kurzer Dauer, nachdem die Öffentlichkeit ihr größtes Geheimnis entdeckte: Die beiden hatten die ganze Zeit bloß die Lippen bewegt, ohne tatsächlich zu singen – und es waren nicht mal ihre eigenen Stimmen, die in ihren Songs zu hören waren. Mehr als 30 Jahre nach dieser Enthüllung, die sie ihre Karriere kostete, beleuchtet eine neue Paramount+-Dokumentation die Kontroverse, die Milli Vanilli in die Versenkung stürzte, und offenbart die rücksichtslose, systematische Ausnutzung Schwarzer Künstler:innen.

Fabrice Morvan und Robert Pilatus lernten sich in ihren Zwanzigern in München kennen und wurden aufgrund ihrer geteilten Liebe für Tanz und Musik direkt Freunde. Schon nach kurzer Zeit waren sie örtlich für ihre Partys und Performances bekannt – und erweckten die Aufmerksamkeit des Musikproduzenten Frank Farian. Der hatte vorher schon die deutsche Funk-Gruppe Boney M. entdeckt und produziert (unter anderem bekannt für ihren größten Ohrwurm „Rasputin“), und versprach den jungen Freunden Reichtum und Ruhm – unter der Voraussetzung, dass sie selbst nie auf ihren Platten sangen. Anfangs störten sich Morvan und Pilatus sehr an der Vorstellung, ihre Karriere auf einer solchen Lüge aufzubauen. Nachdem sie aber sahen, wie sie Farians verlogenes Konzept über Nacht zu Stars machte – inklusive ausverkaufter Konzerte, Tausenden Euro und globaler Berühmtheit –, freundeten sie sich mit der Täuschung an. Milli Vanilli mussten ihre Songs ja gar nicht selbst singen, redeten sie sich ein; sie selbst waren die Show.

Der Anfang vom Ende kam, als das Pop-Duo 1990 überraschend seinen ersten Grammy gewann und in der „Best New Artist“-Kategorie Größen wie die Indigo Girls und Soul II Soul ausstach. Das gefiel manchen in der Musikbranche überhaupt nicht. Anstatt sich jetzt unauffällig zu verhalten, um nicht aufzufliegen, stieg der neue Status als Grammy-Gewinner den beiden allerdings zu Kopf – und sie fingen an, zu behaupten, sie seien bessere Musiker als Superstars wie die Beatles oder Bob Dylan. Morvan und Pilatus wollten außerdem mehr kreative Kontrolle über ihre Musik übernehmen und selbst eigene Songs produzieren. Das sorgte allerdings dafür, dass es mit ihrer Beziehung zu Farian schnell bergab ging. Je mehr sich die beiden für ihre künstlerische Unabhängigkeit einsetzten, desto wütender wurde Farian – bis er beschloss, das gemeinsame Schiff ein für alle Mal zu versenken. Im November 1990 hielt Farian also eine Pressekonferenz ab und enthüllte, dass Morvan und Pilatus nur die Gesichter von Milli Vanilli waren. Bei der Konferenz stellte er außerdem die echten Stimmen hinter Milli Vanilli vor – Charles Shaw und John Davis, zwei bis dahin unentdeckte Schwarze Sänger. (Später versuchte Farian mit Shaw und Davis unter dem Namen „The Real Milli Vanilli“ noch mehr Geld zu machen.)

Das hatte schnelle, heftige Konsequenzen: Milli Vanillis Fans fühlten sich mitunter so hintergangen, dass einige von ihnen die Musiker wegen Betrugs und organisierter Kriminalität anklagten, und in den Medien wurden die beiden jeden Tag öffentlich verrissen. Die Öffentlichkeit schien sich darin einig zu sein, dass die Schuld eindeutig und vollständig bei Morvan und Pilatus lag. Währenddessen kamen die treibenden Kräfte, die hinter dem Milli-Vanilli-Betrug gesteckt und damit Millionen verdient hatten, quasi ungeschoren davon – insbesondere Farian, das bösewichtartige Mastermind dahinter. Obwohl er selbst zugegeben hatte, dass er für die Lüge Milli Vanilli verantwortlich gewesen war (und nur ein paar Jahre zuvor dasselbe mit Boney M. durchgezogen hatte), blieb Farian nach der großen Enthüllung völlig verschont. Er schämte sich überhaupt nicht dafür, Milli Vanilli ins Leben gerufen und sie vertraglich dazu gezwungen zu haben, nur die Lippen zur Musik zu bewegen. Tatsächlich tat er das Ganze mit einem lachenden Schulterzucken ab und sagte, er sähe „kein Problem“ damit. Und damit hatte er Recht: Für ihn war das kein Problem. Für Morvan und Pilatus, die beiden Schwarzen Männer, die zum Gesicht eines der größten Betrugsfälle der Musikindustrie gemacht worden waren, aber sehr wohl.

“To make it clear: Milli Vanilli primarily appealed to a white audience,” explains the author and cultural critic Hanif Willis-Abdurraqibin in the documentary. “Part of the reaction to this fraud was something along the lines of: I can’t believe I’ve been listening to these black guys who didn’t even sing the songs themselves.”

The documentary does not shy away from the fact that the extent of the immediate consequences felt by Morvan and Pilatus after being exposed definitely had to do with their complex identities as black men with immigrant backgrounds working in an industry that was predominantly led by older white men and aimed to reach primarily a white audience as well. Even at the height of their career, Milli Vanilli had no real power. Farian and the other music bosses who had built up Milli Vanilli’s career were the puppeteers who controlled the appearance and sound of their product down to the smallest detail. Although bigwigs at the label – like Clive Davis, founder of Arista Records – vehemently denied knowing about the fraud, it is impossible for Milli Vanilli to have even existed, let alone achieve so much success, without everyone behind the scenes being aware of it.

“You have to understand: We were seduced, exploited, and we felt very guilty,” Pilatus tried to explain at a press conference. “We don’t understand why we, the two little boys from Germany – the victims! – suddenly became the villains, even though we are not.”

The story of Milli Vanilli is tragic and shocking, but unfortunately not an isolated case. In the music industry, there are depressingly many cases of black artists being ruthlessly exploited.

Bearing the complete blame for a collective lie weighed heavily on Morvan and Pilatus in the following years. They tried to launch themselves as Rob & Fab with their own voices, but failed, and this failure caused Pilatus to spiral into depression and heavy drug abuse. This also affected his professional and personal relationship with Morvan, and their friendship fell apart. As a result, their paths diverged drastically: Morvan continued to write and perform his own songs as a solo artist, while Pilatus, still burdened by the shameful end of his career, developed a strong drug addiction and made headlines with various legal problems. In 1998, Pilatus was found dead in a Frankfurt hotel room, suspected of an alcohol and drug overdose, at only 33 years old.

The story of Milli Vanilli is tragic and shocking, but unfortunately not an isolated case. In the music industry, there are depressingly many cases of black artists being ruthlessly exploited. The rock star Little Richard was severely underpaid by his label, Specialty Records, and only earned half a cent from every record sold of his chart-topping hit, “Tutti Frutti.” Chuck D of Public Enemy sued Universal Records in 2011 for $100 million in unpaid royalties. Sometimes, career abuse also occurs within the Black community – just think of the many allegations against Diddy’s Bad Boy Records, Lil Wayne’s beef with Birdman and Cash Money Records, or Megan Thee Stallion’s recent settlement with 1501 Certified Entertainment. No matter how famous they are, many black artists are vulnerable to their label bosses who are only interested in the almighty dollar – even at the expense of their own artists. Numerous black artists, therefore, try to raise awareness of this exploitation and actively fight against it, for example through organizations like the Black Music Action Coalition. But because this exploitation is so deeply rooted in music culture, it can sometimes seem impossible to reform anything.

Es kann aber schon ein wichtiger erster Schritt sein, den entsprechenden Künstler:innen überhaupt eine Plattform zu geben, auf der sie ihre Wahrheit mit der Welt teilen können. Die Doku Milli Vanilli bietet uns einen Blickwinkel auf das Drama, aus dem damals niemand auf die Situation zu schauen schien. Sie gibt Morvan die Chance, seine Perspektive zu erklären – zum ersten Mal seit vielen Jahren. In seinen eigenen Worten erzählt er von der Vielzahl an Gefühlen, die er und Pilatus während ihrer kurzen, aber beeindruckenden Karriere durchlebten: Aufregung, Angst, Stolz, Nervosität, Leid. Bei der Berichterstattung über den Skandal drehte sich damals alles nur um Morvan und Pilatus, die als Bösewichte in dieser Täuschung dargestellt wurden. Sie bekamen nie die Gelegenheit, sich selbst zu verteidigen. Von der Gründung von Milli Vanilli bis hin zum jähen Ende der Gruppe wurden die beiden Sänger stillgestellt und ausgenommen, bis sie kein Geld mehr abwarfen. Diese Dokumentation kommt vielleicht mehrere Jahrzehnte zu spät – aber weil sie uns ein komplettes Bild des Gesichtsverlusts von Morvan und Pilatus bietet, weiß die Welt wenigstens jetzt, wer damals wirklich die Schuld trug: die geldgierige Industrie.

Milli Vanilli ist ab sofort zum Streamen auf Paramount+ verfügbar.

Lust auf mehr? Lass dir die besten Storys von HotQueen Deutschland jede Woche in deinen Posteingang liefern. Melde dich hier für unseren Newsletter an!

Like what you see? How about some more HotQueen goodness, right here?

Victoria Beckham verdient eine Entschuldigung

Sprich mit deiner weißen Familie über Rassismus!

„Gossip Girl“ & Co.: Hollywoods Colorismus-Problem